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Wenn Menschen mit chronischer Müdigkeit und Erschöpfung zum Arzt gehen, folgt in den meisten Fällen ein sehr überschaubares Untersuchungsprogramm. Dr. med. Heinz Lüscher, Orthomolekularmediziner und praktischer Arzt, beschreibt im Gespräch mit QS24 den typischen Ablauf: Es wird ein Blutbild gemacht, vielleicht noch der Eisengehalt beziehungsweise das Ferritin bestimmt, und wenn es besonders gründlich zugeht, wirft man einen Blick auf die Schilddrüse. Danach ist Schluss. Damit sind drei mögliche Ursachen abgedeckt, nämlich Blutarmut, Eisenmangel und eine Schilddrüsenunterfunktion. Lüscher hält dem entgegen, dass es rund hundert weitere Faktoren gibt, die Müdigkeit oder Erschöpfung auslösen können und die routinemäßig gar nicht angeschaut werden. Eine oberflächliche Laboruntersuchung liefert also seltenst verlässliche Hinweise auf die eigentliche Ursache. Für ihn beginnt die Diagnose genau an dem Punkt, an dem viele Patienten bereits mit dem Befund nach Hause geschickt werden, dass alles in Ordnung sei. Jeder zweite Patient in seiner Praxis kommt wegen chronischer Müdigkeit, entsprechend hat er dafür ein eigenes Vorgehen entwickelt.

Der Unterschied zwischen Normwerten und optimalen Werten bei der Schilddrüse

Ein häufiges Missverständnis betrifft die Frage, was Normwerte eigentlich aussagen. Lüscher stellt klar, dass die konventionell medizinischen Laborwerte grundsätzlich korrekt gemessen werden und er ihre Verlässlichkeit nicht generell infrage stellt. Eine deutliche Ausnahme macht er allerdings bei der Schilddrüse. In der Schulmedizin gilt ein TSH Wert zwischen 0,3 und 4,8 als normal, was einen ausgesprochen breiten Korridor darstellt. In seiner eigenen Praxis arbeitet er mit einem sehr viel engeren Zielbereich von etwa 1,6 bis 2,2. Konkret bedeutet das: Ein TSH Wert von 3 gilt bei ihm bereits als Unterfunktion, während derselbe Wert in der Regelversorgung ohne Kommentar durchgeht. Für Betroffene mit unklarer Erschöpfung ist dieser Unterschied entscheidend, denn genau in dieser Grauzone zwischen offiziell normal und funktionell optimal spielen sich viele Beschwerden ab, für die anschließend keine Erklärung gefunden wird.

Das fünfstufige Abklärungsschema bei chronischer Erschöpfung

Um der Ursache systematisch näherzukommen, arbeitet Lüscher mit einem gestuften Vorgehen, das er im Interview offenlegt. Am Anfang steht eine breite Blutentnahme, die deutlich mehr umfasst als das übliche Programm. Dazu gehören Leberfunktion, Blutzucker, Nierenfunktion, Homocystein, Vitamin D3, der Q10 Spiegel und der Omega 3 Spiegel. Diese Basisabklärung, so seine Beobachtung, wird in der Regelversorgung schlicht nicht durchgeführt.

Ergibt sie keinen Befund, folgt die zweite Stufe mit Spurenelementen, Aminosäuren und Schwermetallen. Bleibt auch das unauffällig, werden in der dritten Stufe die Hormone untersucht. Danach folgt die Suche nach chronischen Infekten, die er als besonders komplexes Feld beschreibt.

Erst ganz am Ende, auf der fünften Stufe, steht die Untersuchung der Mitochondrienfunktion. Wer diesen Weg vollständig durchlaufen hat, hat nach seiner Rechnung etwa hundert Faktoren betrachtet und kann dann tatsächlich sagen, warum jemand müde ist. Lüscher betont ausdrücklich, dass ein normaler Hausarzt diese Abklärung nicht leisten kann und das auch nicht muss, weil es sich um Spezialmedizin handelt und nicht um mangelnde Qualität.

Kalorienmäßig überernährt und mikronährstoffmäßig unterernährt

Auf die Frage, warum in Industrienationen trotz reichlicher Nahrungsversorgung relevante Mikronährstoffmängel entstehen, antwortet Lüscher mit einer Formel, die den Kern des Problems trifft.

Wir sind kalorienmäßig überernährt und mikronährstoffmäßig unterernährt.

Bewusst ist das kaum jemandem. Nahezu alle Patienten geben an, sich gesund zu ernähren, und was darunter verstanden wird, geht weit auseinander. Er berichtet von Menschen, die einen Hamburger als gesund einstuften, weil ein Salatblatt darin lag. Die eigentlichen Gründe für die Unterversorgung sind zweifach. Erstens essen wir zu wenig von den Lebensmitteln, die reich an Mikronährstoffen sind, also Gemüse, Salate, Früchte und naturbelassene Kost. Zweitens ist in diesen Lebensmitteln immer weniger enthalten. Pestizide behindern bspw die Bildung sekundärer Pflanzenstoffe, weshalb Obst und Gemüse zwar gesund aussehen, aber deutlich weniger liefern als früher. Aussagen in öffentlich rechtlichen Gesundheitssendungen, wonach eine gesunde Ernährung automatisch alles Nötige abdecke, hält er für schlicht falsch. Seine Konsequenz lautet, dass wir eigentlich zum biologischen Gartenbau zurückkehren müssten.

Cholesterin ist nicht der Hauptfaktor bei Arterienverkalkung

Ein besonders klarer Standpunkt betrifft das Thema Cholesterin. Je länger er sich damit befasse, so Lüscher, desto mehr sehe er dessen Harmlosigkeit. Cholesterin spiele bei der Arterienverkalkung durchaus eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Die eigentlichen Treiber seien Entzündungen in den Blutgefäßen, die ganz andere Ursachen haben, etwa Fehlernährung oder Übersäuerung. Erst an entzündeten Gefäßwänden bleiben Thrombozyten und gelegentlich auch ein Cholesterinmolekül haften. Als Beleg führt er an, dass in operativ entfernten Ablagerungen der Cholesterinanteil bei lediglich etwa drei bis vier Prozent liegt, während der Rest aus Fetten und Zellen besteht. Statt das Cholesterin zu senken, müsse man also die Entzündungsfaktoren angehen. Er weist zudem darauf hin, dass Cholesterin ein wichtiger Baustein für das Gehirn ist und eine zu starke Senkung dort Schaden anrichten kann. Zum Schutz der Gefäße empfiehlt er entzündungshemmende Substanzen, wobei ihm drei als Basis genügen. Omega 3 in relativ hoher Menge, Vitamin K2 und OPC. Ergänzend nennt er natürliche Entzündungshemmer wie Kurkuma, Grüntee und Heilpilze.

Vitamin D Mangel und Omega 3 Mangel als häufigste Defizite

Nach seiner Erfahrung weisen etwa achtzig Prozent aller Patienten einen Mangel an Vitamin D und Omega 3 auf, sofern sie nicht selbst supplementieren. Beim Vitamin D sieht er eine Mitverantwortung bei den Ärzten, weil zu selten gemessen und zu niedrig dosiert wird. Die in der Medizin übliche Standarddosierung von 800 Einheiten täglich hält er für deutlich zu gering. Ein gesunder Erwachsener brauche nach seiner Einschätzung sicher 3000 bis 4000 Einheiten pro Tag, wobei die Dosis von Alter und Körpergewicht abhängt. Er selbst nimmt täglich 4000 Einheiten. Für Schulkinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren nennt er etwa 1500 Einheiten im Winter, für größere Jugendliche 2000, für eine Person mit hundert Kilogramm Körpergewicht 5000. Wichtig ist ihm der Hinweis, dass die Fähigkeit der Haut, Vitamin D über Sonnenlicht zu bilden, mit dem Alter abnimmt und dass dunklere Haut den Mangel zusätzlich verstärkt. Eine wöchentliche Einnahme von 20.000 Einheiten bewertet er als gerade noch akzeptabel, zieht aber die tägliche Gabe klar vor, weil sie dem Stoffwechsel besser entspricht.

Beim Omega 3 fällt das Bild noch drastischer aus. Der Omega 3 Index sollte nach seiner Aussage zwischen acht und elf Prozent liegen. In seinen Messungen an Schweizer Patienten erreichen gute Werte gerade einmal vier Prozent, der niedrigste gemessene Wert lag bei 1,9 Prozent. Entscheidend ist zudem das Verhältnis zu Omega 6. Es sollte etwa 1 zu 3 oder 1 zu 4 betragen, tatsächlich liegt es je nach Ernährung bei 1 zu 20 bis 1 zu 50. Aus diesem Grund hält er Produkte, die neben Omega 3 zusätzlich Omega 6 und Omega 9 enthalten, für völlig verfehlt, denn sie verschlechtern ein ohnehin schlechtes Verhältnis weiter.

Welche Mikronährstoffe jeder Mensch braucht

Auf die Frage nach den wichtigsten Mikronährstoffen fällt seine Antwort überraschend schlank aus. Für gesunde Menschen nennt er nur zwei als unverzichtbar, alles Weitere hängt vom individuellen Ziel ab:

  • Omega 3 und Vitamin D als absolute Basis
  • Vitamin K2 ergänzend, sobald die Vitamin D Dosis 3000 bis 4000 Einheiten übersteigt, weil es die Verwertung deutlich verbessert
  • Magnesium an dritter Stelle
  • Zink oder Selen für das Immunsystem
  • Antioxidantien wie OPC oder Grüntee je nach Bedarf

Essentielle Aminosäuren empfiehlt er ausdrücklich nur gezielt, nicht pauschal. Die tägliche Eiweißaufnahme lag 1950 bei etwa 50 Gramm und liegt heute bei rund 130 Gramm, sodass eher ein Überschuss als ein Mangel besteht.

Warum Supplemente oft keine spürbare Wirkung zeigen

Viele Menschen berichten, dass sie Magnesium, Vitamin D und einen B Komplex einnehmen und dabei nichts spüren. Lüscher löst diesen Widerspruch mit einer einfachen Unterscheidung auf. Es gibt zwei Gründe, Nahrungsergänzung zu nehmen. Wer gesund ist und vorbeugt, darf gar nichts merken, denn es gibt kein Defizit, das ausgeglichen werden könnte. Muskeln, Herz, Knochen, Gehirn und Immunsystem benötigen Vitamin D unabhängig davon, ob sich das im Alltag spürbar bemerkbar macht. Wer dagegen tatsächlich krank ist und behandelt wird, erlebt sehr wohl eine spürbare Wirkung. Nicht spüren bedeutet also nicht, dass ein Präparat nicht wirkt. Ein Zaubertrank im Sinne von Asterix ist Nahrungsergänzung ausdrücklich nicht.

Leistungsfähigkeit im Alter und die Grenze zum Optimierungswahn

Nachlassende Leistungsfähigkeit wird oft vorschnell dem Alter zugeschrieben. Lüscher widerspricht dem entschieden für die Lebensmitte. Wer mit Mitte vierzig über anhaltende Müdigkeit klagt, hat nach seiner Überzeugung mit Sicherheit kein Altersproblem. Er selbst war mit 65 genauso leistungsfähig wie mit 45 und fühlt sich mit 77 Jahren weiterhin hundertprozentig leistungsfähig. Das einzige Zugeständnis, das er sich macht, ist ein etwas späterer Arbeitsbeginn am Morgen. Körperliche Einbußen lassen sich durch Erfahrung und effizienteres Vorgehen ausgleichen. Gleichzeitig warnt er vor dem gegenteiligen Extrem. Er selbst nimmt etwa zehn Kapseln zum Frühstück, darunter Magnesium, Vitamin D, Omega 3, Kurkuma, MSM und Aronia. Patienten, die mit drei oder vier eng bedruckten Seiten und einem minutiösen Einnahmeplan erscheinen, hält er dagegen für neurotisch. Wenn die Einnahme von Präparaten den Tag dominiert, ist die Grenze zum Problematischen überschritten. Sein Longevity Ziel formuliert er entsprechend nicht als Lebensverlängerung, sondern als Verlängerung der Gesundheitsspanne.

Eigenverantwortung als Grundhaltung in Gesundheitsfragen

Zum Abschluss richtet Dr. Lüscher einen deutlichen Appell an die Zuschauer. Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihre Gesundheit und Ihr Leben selbst und delegieren Sie sie nicht an die Ärzte. Ärzte werden gebraucht und man sollte ihnen zuhören, aber es sollte alles selbst überprüft werden. Für ihn ist es unlogisch, eine Tablette einzunehmen, ohne zu wissen warum, also einen unbekannten Stoff zu schlucken, ohne ihn zu hinterfragen. Heute stehen ausreichend Quellen zur Verfügung, um sich zu informieren, wobei er auch vor Einseitigkeit warnt und darauf hinweist, dass man nicht immer die richtige Antwort erhält. Seine eigene Rolle beschreibt er als die eines Wegweisers. Er zeigt den einen Weg auf, ein anderer Arzt zeigt wiederum einen anderen, und die Entscheidung, welchem Ansatz man mehr vertraut, kann nur der Patient selbst treffen.

Dieser Beitrag fasst die zentralen Aussagen des Gesprächs zusammen, kann aber die Nuancen und die praktischen Beispiele aus dem Interview nicht vollständig abbilden. Schauen Sie sich das vollständige Video an, um weitere Einblicke zu gewinnen: