Blog

In diesem Gespräch beim Schweizer Gesundheitsfernsehen QS24 widmete unser wissenschaftlicher Leiter Prof. Dr Elmar Wienecke einer Frage, die für viele Menschen mit chronischen Beschwerden von großer Bedeutung ist: Wie verändert sich der Bedarf an Mikronährstoffen, wenn wir erkrankt sind, und welche Dosierungen sind dann wirklich wirksam? Sein zentrales Anliegen war dabei stets, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse von Mythen und Halbwissen zu trennen.

Warum der Mikronährstoffbedarf bei Erkrankungen steigt

Während Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße die relativ einfach zu bemessenden Makronährstoffe bilden, sind Mikronährstoffe jene Substanzen, die der Körper häufig nicht selbst herstellen kann und die von außen in spezifischen Mengen zugeführt werden müssen. Sie erfüllen eine zentrale Funktion im gesamten Organismus, wirken zusammen wie ein komplexes Orchester und haben insbesondere bei Krankheiten grossen Einfluss auf das Immunsystem.

Bei einer Erkrankung steigt der Bedarf aus mehreren Gründen deutlich an. Liegt beispielsweise eine chronische Entzündung vor, die sogenannte Silent Inflammation, entsteht vermehrt oxidativer Stress, wodurch der Bedarf an Antioxidantien erheblich wächst. Hinzu kommt, dass viele Medikamente die Aufnahme wichtiger Nährstoffe vermindern. Auch eine gestörte Darmfunktion spielt eine entscheidende Rolle, denn ein beeinträchtigter Darm resorbiert kaum noch und verstärkt bereits bestehende Defizite. Prof. Wienecke betonte, dass diese Zusammenhänge vielen Menschen nicht bewusst sind und dass eine kleine Ergänzung von Magnesium oder Vitamin C in solchen Fällen bei Weitem nicht ausreicht.

Wie hängen rheumatische Erkrankungen und die Reduktion von Medikamenten zusammen?

Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf den rheumatischen Erkrankungen, zu denen Prof. Wienecke über 1200 Patienten langfristig untersucht hatte. Eine Masterarbeit von Ines Rommel aus unserem Medical Team, die bereits mehrfach besprochen wurde, kam zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Nach zwölf Wochen Mikronährstofftherapie konnten rund 80 Prozent der Medikamente reduziert werden. Prof. Wienecke wies ausdrücklich darauf hin, dass dies nicht als Gegensatz zur medikamentösen Behandlung zu verstehen ist, sondern als sinnvolle Ergänzung. Während Medikamente das Symptom behandeln, setzt die Mikronährstofftherapie an der eigentlichen Ursache an. Beide Ansätze wirken additiv und nicht gegeneinander.

Wichtig war ihm auch der Hinweis, dass rheumatische Erkrankungen selbst bei unauffälligen Blutwerten vorliegen können. Über bestimmte Entzündungsmarker wie TNF alpha oder Interleukine lassen sich Entzündungsprozesse nachweisen, die im Standardbefund oft nicht auffallen. Viele ältere Menschen berichten von typischen Symptomen wie Morgensteifigkeit und zunehmenden Gelenkschmerzen, ohne dass eine Diagnose gestellt wird.

Omega 3 richtig dosieren: Warum zwei Kapseln nicht ausreichen

Am Beispiel von Omega 3 verdeutlichte Prof. Wienecke ein zentrales Problem der Selbstmedikation: die falsche Dosierung. Omega 3 gehört zu den wesentlichen Mikronährstoffen mit entzündungshemmender Wirkung, wobei Fischöl einen etwas höheren Anteil entzündungshemmender Komponenten aufweist als Algenöl. Entscheidend ist der EPA Anteil, der zwischen zwei und vier Gramm liegen sollte. Das entspricht nicht einer einzelnen Kapsel, sondern zwei bis drei Teelöffeln oder sechs bis sieben Kapseln.

Genau hier liegt das Missverständnis vieler Verbraucher. Die üblichen Verzehrempfehlungen von ein bis zwei Kapseln täglich sind nach Prof. Wieneckes Einschätzung praktisch wirkungslos, wenn es um echte Entzündungshemmung geht. Zudem sollte Omega 3 morgens zum Frühstück gemeinsam mit einer fetthaltigen Mahlzeit eingenommen und über mehrere Monate konsequent zugeführt werden, damit sich die schmerzreduzierende Wirkung entfalten kann.

Magnesium, Schilddrüse und Schmerzempfinden

Auch beim Magnesium gab Prof. Wienecke einen praktischen Hinweis. Magnesium ist wichtig für den Energiestoffwechsel, und viele Medikamente erhöhen den Bedarf. Statt einer großen Menge auf einmal empfahl er, die Dosis über den Tag zu verteilen, etwa morgens, mittags und abends. Bei Schlafproblemen kann eine über den Tag verteilte Einnahme deutlich besser wirken als eine einzelne Abenddosis. Magnesiumglycinat ist dabei verträglicher als Magnesiumcitrat, das schneller zu Durchfall führen kann.

Ein besonders aufschlussreicher Moment war der Zusammenhang zwischen Schilddrüse und Schmerzempfinden. Prof. Wienecke berichtete von einem Vortrag bei einem Rheumatologenkongress, bei dem er die Frage aufwarf, ob bei rheumatischen Patienten auch die Schilddrüse gemessen werde. Der Hintergrund: Eine Dysregulation der Schilddrüse beeinflusst den Aktivierungsgrad der Muskulatur und damit das Schmerzempfinden. Bei bestimmten TSH Werten kommt es zu einer erhöhten synchronen Aktivierung motorischer Einheiten, was den Schmerz verstärkt. Allein eine Schilddrüsendysregulation kann somit zu einer massiven Zunahme von Schmerzen führen, ein Zusammenhang, der aufgrund der starken Spezialisierung in der Medizin häufig übersehen wird.

Vitamin D, Vitamin E und die Bedeutung des vegetativen Nervensystems

Beim Vitamin D räumte Prof. Wienecke mit der Vorstellung auf, dass mehr immer besser sei. Zwar ist Vitamin D wichtig und bei rheumatischen Erkrankungen häufig defizitär, doch zu hohe Dosierungen können bei bestimmten Menschen das Gegenteil bewirken. Wer über die Schilddrüse vegetativ dysreguliert ist, sollte die Dosierung anpassen. Je nach individueller Situation nannte er Bereiche zwischen 4000 und 7000 Einheiten, betonte aber, dass sehr hohe Dauerdosierungen langfristig zu einer vegetativen Dysregulation und zu einer Immunsuppression führen können. Kurzfristig konnte er bei depressiven Menschen mit gut aufdosiertem Vitamin D positive Effekte beobachten, doch der gesamte Mensch muss dabei stets im Blick bleiben.

Auch bei Vitamin E gilt Vorsicht. Werte über 150 bis 200 Milligramm können die vegetative Komponente stark verändern und zu innerer Unruhe führen. Prof. Wienecke schilderte den Fall eines Managers, dessen Blutdruck durch die Einnahme von 600 Milligramm Vitamin E massiv anstieg. Höhere Dosierungen können eine starke Sympathikusaktivität auslösen, weshalb er nicht mehr als 150 bis 200 Milligramm empfahl.

Aminosäuren bei Fibromyalgie und die Rolle der Elastizität

Ein weiteres Thema war die Fibromyalgie, die oft als Weichteilrheuma bezeichnet wird und mit Schmerzen im gesamten Muskelskelettbereich, Schlafstörungen und kognitiven Beeinträchtigungen einhergeht. Prof. Wienecke erklärte, dass eine gezielte Zufuhr von Aminosäuren die Elastizität der myofaszialen Strukturen verbessern kann. Bildlich gesprochen funktionieren elastische Strukturen wie Stoßdämpfer, die Belastungen abfedern. Gelingt es, diese Strukturen zu verbessern, lässt sich eine enorme Schmerzreduktion erreichen.

Dabei widersprach er der gängigen Annahme, dass 0,8 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht ausreichend seien. Für rheumatische Patienten sei eine gezieltere Zufuhr entscheidend, ergänzt durch B Vitamine. Gleichzeitig warnte er vor unkontrollierter Selbstmedikation. So kann eine hohe Dosierung von Vitamin B12 bei Menschen mit einer Hautproblematik wie Psoriasis bereits ab 50 Mikrogramm zu einer massiven Verschlechterung führen, während bei Menschen ohne Hautprobleme deutlich höhere Dosierungen schmerzlindernd wirken können. Der gesamte Mensch muss also immer betrachtet werden.

Vitamin C bei Pollenallergie: Die überraschenden Studienergebnisse

Besonders nachdrücklich wurde Prof. Wienecke beim Thema Pollenallergie, weil ihn pauschale Aussagen in der Öffentlichkeit störten, wonach sich eine Pollenallergie nicht behandeln lasse. In einer Studie mit über 300 Probanden konnte gezeigt werden, dass bei einer ausreichend hohen Plasmakonzentration von Vitamin C, erreicht durch dreimal täglich zwei Gramm, keine einzige allergische Reaktion mehr auftrat. Er betonte, dass hier nicht von 200 oder 300 Milligramm die Rede ist, sondern von einer deutlich höheren Größenordnung.

Vitamin C wirkt dabei als natürliches Antihistaminikum und aktiviert ab einer gewissen Menge die natürlichen Killerzellen, was das Immunsystem stabilisiert. Wichtig ist die Verteilung über den Tag, da Vitamin C eine relativ kurze Halbwertszeit hat und nicht auf einmal zugeführt werden sollte. Auch die Kombination mit sekundären Vitalstoffen und eine bewusste Ernährung ohne Leaky Gut spielen eine entscheidende Rolle. Bei Histaminintoleranz konnte durch Vitamin C Infusionen in Verbindung mit oralem Omega 3 innerhalb von zwei bis drei Monaten eine nahezu vollständige Beschwerdefreiheit erreicht werden, die etwa ein halbes Jahr anhielt.

Die Mitochondrien als Schlüssel zur Gesundheit

Der rote Faden, der sich durch das gesamte Gespräch zog, war die Bedeutung der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zellen. Prof. Wienecke verwies auf eine Masterarbeit, die weltweit zu onkologischen und anderen Themen recherchiert hatte und immer wieder zu demselben Ergebnis kam: Der Mensch wird krank, wenn die Mitochondrien nicht mehr ausreichend ATP liefern. Diese Energieproduktion hängt von Q10 und zahlreichen Mikronährstoffen ab. Funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr, entsteht eine mitochondriale Dysfunktion, die vielen rheumatischen Problemen zugrunde liegt. Gelingt es, diesen Funktionsmechanismus über eine gezielte Mikronährstoffzufuhr zu verbessern, wird dem Körper mehr Energie zugeführt, der Schlaf verbessert sich, und Stress sowie Schmerzen nehmen ab.

Sicherheit, Diagnostik und der richtige Einstieg

Prof. Wienecke betonte durchgehend, dass eine Eigenmedikation wenig sinnvoll ist und dass Mikronährstoffe auch überdosiert werden können. Zu den potenziellen Risiken gehören Magen Darm Beschwerden, Wechselwirkungen mit Medikamenten, eine Eisenüberladung oder eine Hyperkalzämie. Wer den Weg der Mikronährstofftherapie gehen möchte, sollte daher zunächst eine aussagefähige Blutanalyse in den roten Blutkörperchen durchführen lassen, um die tatsächliche zelluläre Versorgung zu erfassen, ergänzt um weitere Parameter wie Leber und Nierenwerte. Anschließend beginnt man mit einer angepassten Dosierung und beobachtet, wie der Körper reagiert. Zeigt sich keine Wirkung, sollte auch der Darmtrakt saniert werden.

Sein abschließendes Plädoyer galt der Synergie zwischen Schulmedizin und evidenzbasierter Mikronährstofftherapie. Beides sollte sich ergänzen und nicht gegeneinander stehen. Dass dieser Bereich bislang kaum Gegenstand der medizinischen Ausbildung ist, sah er als große Herausforderung, der er mit seiner Arbeit und seinem Studiengang begegnete.

Schauen Sie sich das gesamte Video an, um noch mehr Einblicke in die Arbeit von Prof. Dr. Elmar Wienecke zu gewinnen. Es lohnt sich, dieses Gespräch in voller Länge zu erleben: